Schluss mit „Bildung To-Go!“ – Zurück zu G9!

Die Thematik G9 bzw. G8 ist momentan in aller Munde. Im Rahmen unseres Parteiprogramms und unserer Ideologie von Erziehung, sprechen  wir uns eindeutig gegen diese feste Jahreseinteilung aus. Es geht uns darum, Schüler/innen[1] individuell so weit und so intensiv zu fördern, wie dies für den entsprechenden Schüler notwendig bzw. möglich ist. Dies ist in einem Rahmen von festen Schulklassen kaum möglich.

Wir gehen davon aus, dass in jedem Mensch eine Persönlichkeit steckt, die vollkommen individuell ist und die durch Auseinandersetzungen mit der Umwelt und „Begegnungsmomente“[2] mit der Umwelt entfaltet werden kann, wenn der Schüler Teile der eigenen, in ihm angelegten Persönlichkeit, der eigenen Interessen, in dieser Umwelt entdeckt, ihnen „begegnet“[3]. Dies ist dem Schüler nur durch eine entsprechend Lebensnahe Unterrichtspraxis und durch das Wiedererkennen der eigenen Interessen in dieser möglich. Deshalb darf in einer Reform des Schulsystems nicht weiterhin von Inhaltsvermittlung ausgegangen werden. Es ist essentiell, dass Schüler das Wissen selbst generieren, es nicht auswendig lernen, sondern die  Inhalte selbst entwickeln, erarbeiten und somit ein tiefes Verständnis für die Thematik, statt nur eine vorrübergehende, auswendiggelernte, nicht nachhaltige Erinnerung entwickeln.

Wir sehen den Sinn der Schule also nicht darin, „Bildungsmonster“ zu produzieren, die beim internationalen „Phallusvergleich“ PISA einen der besten Plätze erreichen und somit den Ruf unseres Bildungssystem verbessern und besseres Fachpersonal für die Lobbys ermöglichen, sondern in der Persönlichkeitsentwicklung, die übrigens sogar erhebliche Steigerung in der Bildungsqualität mit sich bringt, weil der Schüler Inhalte auf sich, seine Persönlichkeit, Identität beziehen kann und somit den direkten Bezug und ein persönliches Interesse entwickelt. Er ist nicht mehr genötigt realitätsferne Inhalte ohne Bezug auswendig zu lernen, sondern wendet diese direkt auf das eigene Leben und die eigenen Interessen an.

Ein Schulsystem, welches diesem Ideal folgt besteht somit nicht aus einzelnen Klassen, sondern aus „Modulen“. Dies entspricht in etwa dem Modell eines Studiums. Verschiedene Schüler haben verschiedene Stärken, Schwächen und Interessen, die  teilweise schon bekannt, somit „entfaltet“ sind und teilweise noch entfaltet werden müssen. Deshalb ist es in jedem Fall essentiell jedem Schüler einen breiten Überblick über verschiedene Fachbereiche und die unterschiedlichsten Fächer zu geben. So erhält der Schüler auch eine breit gefächerte Allgemeinbildung. Im Laufe der Schulzeit entdeckt der Schüler bereits einige seiner Interessen, Fähigkeiten und Defizite und soll hier die Möglichkeit erhalten, sich noch fachbezogener als bisher auf seine Interessensbereiche zu spezialisieren. So kann er sein Interesse und seine Fähigkeiten in diesen Bereichen viel intensiver erweitern und sich ggf. auf ein Studium oder eine Ausbildung in diesem Bereich vorbereiten.
Module sind in diesem System einzelne Fächer, einmal im elementar- und im fortgeschrittenen Bereich, sowie später auch Differenzierungsmodule für die Individuellen Persönlichkeiten der Schüler. Die Schüler erhalten ähnlich einem Studium die Möglichkeit, verschiedene Kurse zu wählen und diese mit einer entsprechenden Leistung ab zu leisten. Dadurch kann sich der Schüler individuell entscheiden, welches Modul und welche Thematik er wann und wie bearbeitet. Er kann sich nicht nur besser in seinen eigenen Interessen spezialisieren und seine Bildung selbst gestalten, sondern kann sich darüber hinaus auch vielmehr mit dieser selbst gestalteten Bildung identifizieren. Des Weiteren lernt er auch, sich selbst zu organisieren.
Besonders vorteilhaft ist hier ran aber, dass es keine feste  Zeit gibt, die dem Schüler einräumt, ob er nun in 8 oder in 9 Jahren das Gymnasium abschließt. Es gibt keine Versetzung in weitere Klassen, sondern nur ein erfolgreiches Abschließen einzelner Module. So kann der Schüler in dem einen Schuljahr z.B. aus dem mathematischen Modul1 und dem philosophischen Modul einzelne Kurse belegen. Schließt er nur einen dieser Kurse erfolgreich ab, muss er die anderen Kurse nochmal wiederholen, bis er sie abgeschlossen hat, er muss aber nicht Inhalte wiederholen, die er bereits kennt und auch erfolgreich abgeschlossen hat, nur weil er „sitzen geblieben“ ist, durch die mangelhafte Leistung in nur einem Fach. Es entsteht somit die Möglichkeit für den Schüler in Bereichen die ihm liegen, permanent eine Weiterentwicklung, statt einer Stagnation zu vollziehen und nicht durch einzelne defizitäre Bereiche, komplette Schuljahre und all deren Inhalte sinnloser Weise zu wiederholen und Entwicklung in den persönlichen Interessenbereichen während dieser Zeit zu stagnieren.
Anderenfalls sinkt die Motivation des Schülers enorm, da er in dem Wiederholten, bereits bekannten Inhalt der Fächer, in denen er erfolgreich war, kaum einen Sinn erkennt und somit auch hier die Mitarbeit sinkt und allgemein die Leistung des Schülers durch ein destruktives, Demotivations-System abgebaut wird.
Das Bildungssystem soll individueller werden, individuelle Entwicklung fördern, es geht nicht mehr darum nach 8 bzw. 9 Jahren einen Schüler als „Produkt“ mit gewisser Qualität produziert zu haben, sondern diesen individuell in seiner Entwicklung zu begleiten und zu seiner Persönlichkeit zu führen. Ich selbst habe das Konzept der Inklusion und eines eingliedrigen Schulsystems lange Zeit sehr kritisch gesehen, weil ich der Meinung war, Schüler könnten hier schlecht individuell gefördert werden, wenn wenig Fachkräfte und viele unterschiedliche Leistungsniveaus aufeinander treffen. In dem von mir vorgestellten Konzept zur Schulreform bzgl. der Einteilung in Module lässt dies allerdings keine Schwierigkeit mehr entstehen. Wenn einzelne Fächer in Module geändert werden und diese Fächermodule mit entsprechenden Schwierigkeiten versehen werden, dann kann der Basiskurs in Mathematik(Schwierigkeit 3) von allen Schülern besucht werden. Zum Hauptschulabschluss ist es dann z.B. nur notwendig 10 Module auf Schwierigkeitsgrad3 ab zuschließen oder alternativ etwas weniger und dafür in dem ein oder anderen Modul eine höhere Schwierigkeitsstufe. Der Realschulabschluss bedarf in diesem Konzept wiederum eines höheren erfüllten Schwierigkeitsgrades und mehrerer Module. Genauso gestaltet sich wieder die Steigerung zum Abitur. So kann jeder Schüler Module in den Fächern belegen, die seinen Fähigkeiten und Interessen entsprechen. Jeder Schüler muss für jeden Abschluss natürlich ein grundsätzliches Allgemeinwissen mitbringen und aus jedem Modulbereich etwas absolviert haben, er kann sich aber so viel besser spezialisieren und seinen eigenen Interessen nachkommen. Gleichzeitig ist kein Schüler, der aus einem Bildungsfernen Milieu kommt auf eine Schulform abgeschoben, sondern hat ohne weitere Schwierigkeiten bei entsprechenden Fähigkeiten oder entsprechendem Interesse die Möglichkeit, sich in Fachrichtungen die ihn interessieren weiter zu bilden und durch entsprechende Leistung und Sammeln von Punkten auch so sein Abitur zu erreichen. Gleichzeitig ist dieses Konzept aber auch kein Nachteil für Leistungsstärkere Schüler, sondern auch für diese, ein Vorteil. Denn es wird nicht dazu kommen, dass Schüler in ihrem Kurs sitzen, die an der Thematik kein Interesse haben oder denen entsprechendes Fachwissen fehlt und die somit den Leistungs- und Entwicklungsprozess des Kurses aufhalten. Denn erst der Abschluss von z.B. dem Fachmodul Mathematik 1 Schwierigkeit 3 ermöglicht das Wählen des Modules Mathematik 1 Schwierigkeit 2. So ist es notwendig, die einzelnen Schwierigkeitsstufen erfolgreich zu absolvieren, um schließlich die nächste Schwierigkeitsstufe zu belegen. Schüler jeder Schulform können somit frei nach ihren Interessen Fächer wählen und sich entsprechend ihrer Interessen darin bilden. Kein Schüler wird dabei in seiner Entwicklung durch unterschiedliche Leistungsniveaus gebremst, da die höheren Module erst durch den Abschluss der niedrigeren belegt werden können. So ist es z.B. auch möglich, dass ein Hauptschüler ein Talent im Bereich Biologie aufweist und hier sogar bis zum „LK-Niveau“, des Schwierigkeitsgerades 0 seine Module abschließt, in anderen Fächern aber weniger erfolgreich ist. Hierfür erhält er aber vollkommene Legitimität und durch Vorweisen von seinem „Basiswissen“ in allen Fächern sowie durch z.B. die intensivere Leistung in dem Fach Biologie kann er auch einen entsprechend höheren Bildungsabschluss erreichen.
Der Schüler entwickelt sich in dem möglichen Schulsystem, mit und durch seine Kurse, und durch die dadurch entstehenden, selbst eingeteilten Aktivitäten am Nachmittag. Der Schüler hat also alle Zeit für seine Persönlichkeitsentwicklung und Fähigkeitsentfaltung, er wird nicht mit Aufgaben vollgestopft oder bekommt jegliche Zeit am Nachmittag bereits gestaltet und vorgegeben, so dass kaum Zeit für eine individuelle Persönlichkeitsentfaltung bleibt. Die Schüler haben keine Möglichkeit im G8 System, ihre Identität zu entwickeln, sich selbst kennen zu lernen, gar auf Grund einer solchen Basis potent Pläne für die Zukunft zu schmieden, die eine Grundlage sein müssen, wenn Schüler die Schule abschließen, vor allem wenn diese die  Schulzeit früher abschließen sollen, „damit sie dem Arbeitsmarkt zeitiger zur Verfügung stehen“ oder im internationalen Vergleich nicht die ältesten Schulabgänger sind.

Bei vielen Familien in der heutigen Zeit, ist der Aspekt der Arbeit und Unabhängigkeit beider Elternteile  fundamental und wichtiger denn je. Deshalb darf dennoch die Entscheidung zum Bildungsweg des Schülers nicht durch die Attraktivität der Beschäftigung und Betreuung der Schüler am Nachmittag geleitet werden. Schließlich geht es hier nicht darum, welche Entscheidung praktischer ist, sondern welche der Entwicklung des Schülers zuträglich ist. Damit auch ein solches Argument nicht nachhaltig bestehen kann und auch die Bildungschancen unabhängig vom Herkunftsmilieu des Schülers angeglichen werden und jeder Schüler die gleiche Möglichkeit zur Bildung erhält, möchten wir auf die Generation 60+ setzen. Generationsübergreifende, kostenlose Nachmittagsaktivitäten, die in unterschiedlicher Form der Persönlichkeitsentfaltung dienen. So kann es hier nicht nur kostenlose Nachhilfe geben, sondern auch sportliche oder auch andere Aktivitäten, so dass die Schüler den Nachmittag bei Bedarf oder Interesse nach persönlichem Befinden gestalten können und auch die ältere Generation hier eine tragende Rolle übernimmt. Denn bei der Kulturerhaltung- und Weitergabe ist es doch immer die ältere Generation, die entscheiden kann, welche der kulturellen und traditionellen Elemente unserer Gesellschaft an die jüngere Generation weitergegeben werden soll bzw. kann.

 

Deshalb fordern wir als Piratenpartei grundsätzlich eine Reform des Schulsystems, die für den Schüler als Menschen mehr Platz hat und ihm Zeit zur Persönlichkeitsentfaltung einräumt. Es ist vollkommen irrelevant, ob wir im Internationalen Vergleich hierbei die ältesten Schulabgänger haben. Relevant ist in diesem Fall, dass wir von mündigen Schülern und Bürgern sprechen können.[4] Von Schülern, die sich mehr über ihre Identität klar sind, als alle andern und somit ein Lebenskonzept verfolgen können, welches sie wirklich erfüllt und glücklich macht. Wir wollen keine gehorsamen „JA-Sager“ und „Bildungsmonster“, sondern Menschen mit einer eigenen Meinung und mit dem Interesse diese zu vertreten.[5]
Genau deshalb sprechen wir, als Piratenpartei Stolberg, uns dafür aus, bis eine solche Bildungsreform möglich ist, die Entwicklungszeit der Schüler in unserer Ortschaft möglichst lang und intensiv zu gestalten. Wir möchten weg von einer „Bildung-To-Go“, die nicht nachhaltig und auch nicht sinnvoll für den Schüler und seine Persönlichkeitsentfaltung ist. Auch wenn eine grundsätzliche Reform dieses Systems Ländersache ist, möchten wir dem G9-Zweig und Schulen, die diesen anbieten, für diesen Bereich, besondere Förderung ermöglichen, denn der Entwicklungsgrad der dem Schüler in dem letzten Schuljahr ermöglicht wird, ist aus Sicht vieler Lehrer essentiell und gerade auch im Kontext der Gruppe der Schulklasse mit entscheidend für die Entwicklung des Schülers. Die Inhalte die sich außerdem im Rahmen vom G8 Abitur auf den Nachmittag verlagern und das fehlende Jahr kompensieren sollen, werden somit durch wichtige Persönlichkeitsentwicklung in der Freizeit ersetzt und erhalten durch mögliche Generationsarbeit einen verbindenden Charakter, der vielleicht auch ein tieferes Verständnis für die jeweils andere Generation ermöglicht und ein gewisses Bedürfnis und Verständnis für Kultur und Tradition aufleben lassen könnte.

[1] Im Folgenden werde ich die männliche Form „Schüler“ benutzen,  beziehe mich hierbei aber auf alle Gender
[2] Vgl. Möhring, Maximilian (2013): Der Begegnungsbegriff nach Bollnow im reformpädagogischen Konzept der Freinetschule, Grin Verlag GmbH
-Der „Begegnungsbegriff“ nach Bollnow und das zu Grunde liegende Konzept zu einer Reform der Schule kann detailliert in dieser Arbeit nachgelesen werden. Das Konzept der einzelnen Module wird dort nicht aufgegriffen, die Rahmenidee der Freinetschule lässt sich hiermit jedoch sehr gut verknüpfen und verfolgt im Kern genau diese Idee von selbst- gestaltetem und generiertem Wissen.
[3] Ebd.

[4] Vgl. Adorno, Theodor W. (1971) Erziehung zur Mündigkeit, Suhrkamp Verlag
[5] Vgl. Möhring, Maximilian (2013) Adam und Eva vs. Höhlengleichnis: Ein Vergleich zwischen Bibel und Platon. Bleibt Bildung ein Erziehungsziel oder „Ist der Dumme am Ende glücklich“? , Grin Verlag GmbH
– Hier gehe ich auf die Frage genau ein, in wie weit bzw. warum Bildung überhaupt ein Erziehungsziel sein kann, wenn ein grundsätzliches Ziel des Menschen sein Zustand der Glückseligkeit ist.

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